exhuming your potato

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exhuming your potato

Beitrag von HAL9000 » vor 5 Monate

Contact (Robert Zemeckis, 1997)

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We wanted… to believe. We wanted to call out.
On August 20th and September 5th, 1977, two spacecraft were launched from the Kennedy Space Flight Center, Florida.
They were called Voyager. Each one carries a message.
A gold-plated record depicting images, music and sounds of our planet, arranged so that it may be understood if ever intercepted by a technologically mature extraterrestrial civilization.
Thirteen years after its launch, Voyager One passed the orbital plane of Neptune and essentially leaving our solar system. Within that time, there were no further messages sent. Nor are any planned.
We wanted to listen. On October 12th, 1992, NASA initiated the high-resolution microwave survey. A decade long-search by radio telescope, scanning ten million frequencies for any transmission by extraterrestrial intelligence.
Less than one year later, first-term Nevada Senator Richard Bryan successfully championed an amendment which terminated the project.
I wanted to believe but the tools have been taken away.
The X-Files have been shut down. They closed our eyes. Our voices have been silenced… our ears now deaf to the realms of extreme possibilities.

- Fox Mulder, The X-Files: 2X01 – Little Green Men


Contact habe ich vor vielen Jahren als Jugendlicher zum ersten Mal gesehen, zwei Bilder und ein Zitat befanden sich noch in meiner Erinnerung: Die ineinander rotierenden Ringe der gigantischen Transport-Apparatur, Jodie Foster an einem Strand und der Satz: "Sie hätten einen Dichter schicken sollen." Contact ist eingebettet in eine lange Tradition an Science-Fiction Filmen, manche Einflüsse wie etwa der von 2001 auf die visuelle Gestaltung von Ellie Arroways Reise durch den Zeitraum sind unverkennbar, in die andere zeitliche Richtung hat der Film wohl auch Spuren bei Interstellar oder Arrival hinterlassen.

Der eingangs zitierte Monolog von Fox Mulder stammt aus dem Beginn einer XF-Episode, die den deutschen Titel Kontakt trägt, und in den Figuren von Ellie Arroway und Palmer Joss spiegelt sich der (möglicherweise nur scheinbare) Widerstreit der Weltbilder von "Faith" und "Science" wider, der auch in den X-Files eine entscheidende Rolle spielte. Zufälligerweise besucht auch Mulder in Kontakt das Radioteleskop in Arecibo, Puerto Rico und tatsächlich fühlt sich auch das Finale des Films ein wenig "x-filey" an, wenn Arroway der Öffentlichkeit stichhaltige Beweise für die reale Existenz ihrer Erfahrung schuldig bleibt und in einem kurzen Dialog die verschwörerische Unterschlagung von tatsächlich vorhandenen Indizien ("18 hours of static") durch den bad guy Michael Kitz (James Woods) angedeutet wird.

Glaube und Wissenschaft finden in der quasi-transzendentalen Jenseits-Erfahrung von Eleanor auf versöhnliche Weise zusammen. Die Begegnung mit dem verstorbenen Vater in einer Szenerie der kindlichen Phantasie (der Strand, an den ich mich noch erinnerte) ist nur eine Illusion, das stellt der Film klar, aber alleine die Aussicht auf die Möglichkeit einer Überwindung der Grenzen von Raum und Zeit mit den Mitteln der Wissenschaft bietet einen Trost, der einem wie auch immer gearteten Gottesglauben zumindest nahe kommt: Dass der Mensch nicht alleine ist – wenn vielleicht noch im individuellen Leben und im körperlich isolierten Dasein, dann aber zumindest nicht auf kosmischer Ebene. Dass es einen schwachen Schimmer Hoffnung auf die Überwindung der Beschränktheit des menschlichen Welttheaters gibt, so etwas wie ein Prinzip "Geteiltes Leid ist halbes Leid" mit den kleinen grünen Männchen, falls die Kommunikation mit ihnen irgendwann einmal gelingen sollte und wenn deren mentale und seelischen Qualitäten hoffentlich reifer entwickelt sind als die von hochtechnisierten Affenmenschen, die sich darüber zanken, wer den größeren roten Knopf zu Hause hat. Zum Glück verkneift sich der Film ein schmalziges Happy End, indem das letzte Bild Eleanor alleine in der Wüste zeigt, nachdenklich in exquisiter Melancholie, im Hintergrund die Radioteleskope, die ins Weltall hineinhören. Es sind Symbole der Kommunikation: We wanted to listen. We wanted to call out. Die mathematische Sprache der Wissenschaft hat durch die Entwicklung digitaler Kommunikationskanäle in der tatsächlichen Welt dazu beigetragen, reale räumliche Grenzen des Sprechens zu überwinden, die menschliche Sprache kann in einem ihrer schönsten Anwendungsbereiche dazu dienen, emotionale Erfahrungen zu teilen. Aber dafür muss man Dichter schicken.
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The Handmaiden

Beitrag von HAL9000 » vor 4 Monate

The Handmaiden (Theatrical Cut) (Agassi; Park Chan-wook, 2016)

- - SPOILER AHEAD - -

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Soldaten der japanischen Besatzungsmacht marschieren im Gleichschritt durch die verregneten Straßen Koreas. Zwei Frauen lieben sich mit selbstvergessener Hingabe in der Kajüte eines Dampfschiffs. Das sind im Wesentlichen die beiden Bilder, die The Handmaiden einrahmen: Gewalttätige männliche Inanspruchnahme und weibliche Sexualität ohne Machtgefälle. The Handmaiden auf diese simple Geschlechter-Opposition zu beschränken, wäre zwar eine ungerechte Vereinfachung, dennoch markieren die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Männer und Frauen in diesem Film ein Hauptmotiv (Es gibt freilich Ausnahmen: Die Hausdienerin Sasaki z.B., die sich mit sadistischer Lust an den Machtspielen des Hausherrn beteiligt).

Der erste Abschnitt des Films etabliert den Hochstapler und selbsternannten "Count" Fujiwara als manipulativen Puppenspieler im Zentrum der Macht. Mit Hilfe der Taschendiebin Sook-hee als Con-Wingwoman plant er die Gunst und das Vermögen von Lady Hideko zu erschleichen. Die wird im Haus ihres Onkels dazu gezwungen, mit Performance-Lesungen die sadomasochistisch geprägten sexuellen Phantasien ihres (ausschließlich männlichen) Publikums zu befeuern. Und weil Fujiwara der Mann ist, soll der Betrug mittels social engineering so funktionieren wie im Tagebuch des Verführers: Fujiwara macht sich Bilder seiner auserkorenen weiblichen Opfer (die – überheblicherweise – in psychologischer Hinsicht als vollständig korrekt angenommen werden), sendet Signal X, woraufhin Reaktion Y erfolgen soll. Fujiwara erstellt aber nicht nur mentale Bilder, sondern auch konkrete Zeichnungen, naturalistische Miniaturen, die ziemlich nah an die Realität heranzureichen scheinen:

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Auch Hideko unterrichtet er in der Kunst der Bilderanfertigung, aber die macht ihm einen Strich durch die Rechnung, weil sie sich nicht vorschreiben lassen will, wie sie Sook-hee zu sehen hat:

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Fujiwara täuscht sich in mehrfacher Hinsicht in Hideko (und Sook-hee): hinsichtlich ihrer vermeintlichen Naivität, des Ausmaßes ihrer materiellen Bedürfnisse, ihrer Liebesfähigkeit und ihrer Sexualität. Die Kontrolle der geplanten Doppeltäuschung entgleitet ihm, denn tatsächlich spielt sich im phantasielos-toten Winkel von Fujiwaras männlichem Blick eine ganz andere Geschichte ab. Die einer unmittelbaren emotionalen und körperlichen Annäherung, die ohne die männlich dominierten Welterklärungserzeugnisse von Schrift und Bild auskommt:

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Der weibliche Blick ist in diesem Film unmittelbarer, einfühlsamer und langfristig gesehen auch ehrlicher. Bemerkenswert ist, dass die Liebesszenen der Frauen meist mit einer Prise Humor und Leichtigkeit inszeniert werden, die die tödliche Ernsthaftigkeit eines potentiellen Abhängigkeitsverhältnisses unterläuft. Das ist klug von Park Chan-wook, denn Humor ist der natürliche Feind der Macht. Weil Macht ja ernst genommen werden und nicht lustig sein will. Die krankhafte und destruktive Verquickung von Sexualität, Macht und Status in der Figur des Onkels führt dazu, dass der bereits gewalttätig wird als Hideko und ihre Japanisch-Lehrerin kichern, wenn die Begriffe "Penis" und "Vagina" fallen. Wenn Sexualität als Machtmissbrauch auftritt, wird ihr der beidseitige Spaß ausexorziert. Nicht nur der Humor bewahrt die expliziteren Sexszenen vor dem Abgleiten in die selbstzweckhafte Ausstellung von (durchaus zur Erregung geeigneter, da attraktiver) Frauenkörpern, meist sagt auch die konkrete Inszenierung etwas über die Verhältnisse der Figuren aus:

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Mann oben. Frau unten. Manchmal (aber nur manchmal) haben Frauen ein kleines bisschen Haue gern. Immer (ja wirklich immer) haben Typen wie du eins auf die Fresse verdient.

Im Gegensatz dazu, der Schluss:

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Kein oben und unten – ein symmetrisches Nebeneinander auf gleicher Höhe.

Die Schluss-Szene ist noch aus einem anderen Grund schön, da sie ein Kindheitstrauma von Hideko auslöscht. Die Metallkugeln, die einst der körperlichen Züchtigung dienten, tauchen hier in einem anderen Kontext wieder auf:

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In der vollkommenen Ignoranz des vergangenen Schmerzes liegt eine gewisse naive Utopie, denn so einfach ist der Prozess des Verarbeitens und Vergessens in der Realität natürlich nicht immer. The Handmaiden spitzt zu – die letztendliche Idealisierung der Beziehung der Frauen genauso wie die pathologische Gewaltbereitschaft aller relevanten Männerfiguren. Aber der Film sagt es ja selbst: Bilder und Geschichten werden immer aus einer bestimmten Perspektive erstellt und erfassen nie den vollen Umfang der Wirklichkeit.
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Den brysomme mannen / Anderland

Beitrag von HAL9000 » vor 4 Monate

Den brysomme mannen / The Bothersome Man / Anderland (Jens Lien, 2006)

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Manche Berufe eignen sich in der filmischen Umsetzung für große Dramatik: Ärztin oder Anwältin sind solche Berufe, oder Raumfahrer. Genialer Mathematiker, Geheimagentin. Alle Arten von Künstlerexistenzen sowieso. Aus dem Beruf des Taxifahrers lässt sich großes Dialog-Potential schlagen, und selbst Nicht-Berufe wie Gangster und Gefängnisinsasse bieten ausreichend Stoff für bewegende Geschichten. Der Beruf des einfachen Büroangestellten taugt offenbar nur für zwei Arten von Erzählungen: Entweder Comedy (The Office, The Apartment) oder für das Subgenre des kafkaesken Existenzverwirrungsdramas (meist mit einer Prise Absurdität). Dank Kafka hast du als Filmfigur ziemlich schlechte Karten, wenn du als Bürokraft arbeitest: Sam Lowry fliegt in Brazil wegen eines Tippfehlers sein Angestelltendasein um die Ohren, Paul Hackett verlässt in After Hours seinen Schreibtisch und landet in einer irrsinnigen, alles in Zweifel reißenden Nacht-Odyssee.

Wir wissen ja alle nicht so ganz genau, aus welchem Grund sich unser Bewusstsein als wahrgenommene Identität zu genau diesem Zeitpunkt an genau diesem Ort manifestiert. Man wird halt so in die Welt geworfen und macht dann mal was. So auch Andreas, der Protagonist von Anderland. Kaum hat ihn der Mutter-Bus auf die Welt gebracht, irgendwo ins Niemands-/Anderland, landet er auch schon in dem für ihn vorgesehen Bürojob. Vielleicht ließe sich statistisch belegen, dass das derjenige Beruf ist, der bei den Ausübenden die heftigsten Weltfluchtphantasien auslöst: Du arbeitest in einem Büro, das nicht dir gehört, und erledigst roboterhaft Aufgaben, denen immer das unangenehme Bouquet anhaftet, in der nächsten Prozessorgeneration von einer künstlichen Intelligenz erledigt zu werden. Absolute Austauschbarkeit und Irrelevanz der eigenen Persönlichkeit. In einem Zeitalter des überformulierten Individualismus der Albtraum schlechthin. "Und was machst du so?" "Ich bin Büroangestellter." Maximal unsexy. Ich wurde als A.I. selbst mal in einem Büro eingesetzt und hatte mir vorgenommen, auf die Frage eines Fremden nach meinem Beruf mit glaubhafter Ernsthaftigkeit mit "Ich arbeite als Performer in der Erotikbranche" zu antworten. Ich habe mich das aber nie getraut.

Der zwischenmenschliche Umgang in Anderland ist geprägt von giftgrauer Hyperroutiniertheit. Alles ist Floskel, alles Oberfläche. "Was machst du?" "Innenarchitektur." "Interessant." Das geht an die Nieren, weil man das so ähnlich auch selbst schon erlebt hat. Diese einstudierte Teflon-Freundlichkeit und das Interessen-Geheuchel ohne Tiefenschärfe, die jeder Form von Lebendigkeit und Normabweichung gnadenlos an die Gurgel gehen und oft einen schmierigen Film von Selbstekel im Gehirn hinterlassen. Aber das liegt natürlich nicht immer an den anderen. Oft kann man's ja selbst nicht besser. Echtes Interesse ist eine kostbare Sache, das verteilt man nicht wie Konfetti. Für Fragen wie "Glaubst du an Gott, und wenn nicht, mit welchen mentalen Strategien kompensierst du die effektive Sinnlosigkeit der Existenz?" erntet man meist entweder mitleidiges Kopfschütteln oder überfordert den Gesprächspartner derart, dass man als Antwort auch "Innenarchitektur" bekommt.

Die Dialoge positionieren Anderland als eine Art Antithese zu Before Sunrise. Während die Protagonisten dort über die ganz großen (und möglicherweise ebenso unsinnigen) Dinge des Universums philosophieren und in der Romantik einer originellen Begegnung baden, redet man in Anderland über völlig Banales und stapft durch Pfützen von Interaktionstrümmern. Mit den Kollegen aus dem Büro pflegt Andreas einen höflich-distanzierten Umgangston und ist spitzbübisch-stolz, wenn er in der lau geführten Debatte über ein passendes Möbelstück einen hilfreichen Einwurf unterbringen kann. Aber Obacht, so ganz geschmackskonform ist der Vorschlag nicht. Ausgrenzungspotential! Andreas schlittert von einem Abziehbild-Lebensentwurf in den nächsten, lernt mit einem 08/15-Dialog mühelos eine Frau kennen, Cut, mechanischer Sex, stilvoll-ungemütliches Haus, schnell geht im Beziehungs-Kühlschrank das Licht aus, eine Affäre, die alte Frau wird emotionslos abgewickelt, die erwartete neue Erfüllung zerschellt wieder an der generellen Austauschbarkeit. Die Existenz beenden geht auch nicht – eine nicht weiter erklärte metaphysische Barriere heilt Selbstverstümmelungen und lässt auch dramatischste Freitodversuche im slapstickhaften (wenn auch blutigen) Misserfolg münden. Es gibt kein Entkommen, nicht einmal das Sterben.

Viele Innenraum-Szenen des Films sind erbarmungslos flach ausgeleuchtet, die Farbpalette ist meist auf ein kontrastarmes, deprimiertes Weißgraubraun eingedampft, was den unangenehmen Eindruck der fehlenden Tiefe der Menschen noch verstärkt. Da wirkt es nahezu erlösend, wenn Andreas in einem chaotisch belassenen Kellerbunker mit warmem Glühbirnenlicht einen möglichen Gleichgesinnten findet: Durch einen Spalt in der Wand dringt schöne Musik, Babygeschrei (es gibt in Anderland auch keine Kinder), ein hoffnungsvoller Hauch ästhetischer Schönheit und Leben dringt von irgendwo in diese zum Kotzen triste Welt. Was tun? Was Leute in Filmen immer tun, wenn sie nur ein paar Meter Stein von der Freiheit trennt: Einen Tunnel graben. Gegen die Regeln der Regelwächter und Anstandswärter verstoßen. Andreas ist jetzt nicht mehr Büroangestellter, sondern Gefängnisinsasse. Auf der anderen Seite: Ein mediterran wirkender Küchen-Wohnraum, buntes Gemüse, ein Lichtschein fällt angenehm durch eine Tür, wohnlich, menschlich. Ein Arm dringt durch.

And I'd really like to tell you that ol' Andy escaped from Anderland prison.
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Le hérisson / Die Eleganz der Madame Michel

Beitrag von HAL9000 » vor 4 Monate

Le hérisson / Die Eleganz der Madame Michel (Mona Achache, 2009)

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Dieser Film wurde mir von einer Person empfohlen, mit der ich über eine Art transplanetares " "soziales" " " " "Netzwerk" " " Kontakt aufgenommen habe und über die nur wenige Informationen bekannt sind. Um die wahre Identität der Person zu schützen, wird sie hier "Prof. Brooklyn" genannt. Mit den bisherigen Filmempfehlungen von Prof. Brooklyn war ich äußerst zufrieden, bei diesem Film war ich jedoch skeptisch, ob er mir gefallen würde. Das lag vor allem am oben abgebildeten Cover der deutschen Disc-Version. Es hat diesen muffig-anbiedernden Arthouse-Wohlfühl-Touch; junges Mädchen und ältere Frau gemeinsam auf einer Couch, die emotionale Wärme ergießt sich orange aus dem oberen Bereich in einen abstrakten Raum, in dem aus irgendeinem Grund auch einige Zierfische umherschwimmen. Ich erwarte da so klebrige Filme wie den grausigen Chocolat – auf dem Cover dieser Filme finden sich häufig Ein-Wort-Zitate aus seichten Lifestyle-Printmedien: "bezaubernd". "hinreißend". (Hier aber nicht) Aber wie heißt es so treffend bei Johannes 7,24: "Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet gerecht." (Don't judge a book etc. etc.). Prof. Brooklyn wird schon wissen, was er tut.

Die beiden großen Handlungsebenen des Films spielen sich die Bälle abwechselnd zu: Die 11-jährige Paloma – hochintelligent, künstlerisch begabt, entfremdet von ihrem näheren sozialen Umfeld – dokumentiert mit ihrer vom Vater geliehenen Hi8-Kamera die isoliert vor sich hin lebenden Mitglieder ihrer bürgerlichen Familie und liefert eine Art Erzählerkommentar: Die depressive Mutter findet nur noch in der Pflege ihrer Pflanzen einen Rest Erfüllung, der verschlossene Vater ist zwar anwesend, hat sich emotional aber ausgeklinkt und die tendenziell gefühlskalte Schwester ist zu beschäftigt mit ihrem eigenen Leben, um auch noch Freundin sein zu können. Es ist alles nicht ganz schlimm, aber auch nicht warmherzig. Palomas Familie wirkt nicht so krass wie die sozial vergletscherten Strukturen bei Michael Haneke, die existentielle Verzweiflung ist für Paloma aber Grund genug, den Entschluss zu fassen ihrem Leben am 12. Geburtstag ein Ende zu setzen. Ich hatte den Eindruck, dass der Film einem das nicht ganz ernst vermitteln möchte. Öfter setzt auch die Musik von Gabriel Yared gefühlsmäßige Kontrapunkte, wobei sich Yared teilweise verdammt nach Thomas Newman anhört (und Thomas Newman klingt schon viel zu sehr nach Thomas Newman). Der Zuschauer kann sich emotional hier schonmal vorsorglich wappnen. Kindertode in Filmen sind eine bittere Sache, aber wenn das Ereignis zu Beginn schon angekündigt wird, trifft es 1.) nicht mehr so hart und wird 2.) eventuell sowieso nicht eintreten, weil der Film ja vermutlich nicht seine Dramaturgie verraten will. Kann natürlich immer auch passieren, dass ein Film auf einer Meta-Ebene mit genau solchen Erwartungen spielt.

In Richtung des anderen Endes einer menschlichen Lebensspanne gibt es dann noch Renée Michel, 54 Jahre alt, die als Pförtnerin im selben Haus arbeitet, in dem auch Paloma wohnt. Müde Augen, nach unten weisende Mundwinkel, ruppiges Auftreten, enttäuscht vom Leben. Die Sorte Mensch, deren verborgenen Seiten, verloren gegangenen Träume und geheimen Leidenschaften man leider meist nur dann freiwillig kennenlernt, wenn es sich dabei um Filmcharaktere handelt und nicht um echte Personen aus Fleisch und Blut. Die wenigsten Leute sagen sich in ihrer Freizeit: "Hey, ich hätte echt mal Lust, diese abweisende Frau näher kennen zu lernen. Das scheint anstrengend und eine emotional herausfordernde Angelegenheit zu werden, könnte sich aber lohnen!" Und das gilt für Renées bourgeoise Mitbewohner umso mehr, da sie ihr Dasein in der gesellschaftlichen Hackordnung ein paar Etagen weiter unten fristet. Darauf lassen sich nur hartgesottene Lebenskünstler oder Suizidale ein, denen jede Form aufgezwungener Sozialperformance sowieso scheißegal ist. Oder Kinder, die die abschottende Wirkmacht des sozialen Kastensystems noch nicht verinnerlicht haben. Paloma ist beides und tritt dann auch in das Leben von Madame Michel. Die empfundene Enttäuschung auf den Schultern der beiden wird etwas leichter erträglich.

Noch jemand tritt in das Leben von Renée: Kakuro Ozu, ein neuer Bewohner im Haus. Ein Mann von erlesenem Charakter, ausgestattet mit im Herzen verankerter, aufrichtiger Höflichkeit, stilvoller Eleganz, betörender Sanftheit und beruhigender Zurückhaltung. Zwei Menschen, die eigentlich überhaupt nicht zueinander passen, finden hier zusammen.

Die Annäherung geschieht zunächst über ein gemeinsames Interesse, die Literatur, universelle Erzählungen über das Menschliche – Kakuros Fortsetzung eines von Renée angefangenen Zitates ist der Grundstein für eine schöne gemeinsame Zeit jenseits ihrer unterschiedlichen Biografien. Das geht deshalb, weil Kakuro nicht nach dem richtet, was vor Augen steht. Don't judge a book etc. etc. Kakuro schenkt Renée eine schön gebundene, wahrscheinlich sehr wertvolle Ausgabe von Anna Karenina, die sich nur äußerlich von der unterscheidet, die bereits in ihrem Regal steht: eine mit unglamourösem Cover, abgewetzt. Es ist nicht ihr einziges Buch. In einem Zimmer ihrer Wohnung versteckt sie eine reichhaltige Bibliothek der Weltliteratur – wohl alles aus zweiter Hand gekauft. Eine Dankes-Nachricht an Kakuro verfasst sie in absichtlich krakeliger Schrift, um ihre kulturelle Versiertheit zu verschleiern.

Und das ist nun wirklich eine der traurigsten Seiten der Existenz: Wenn Menschen die negativen, den Ausdruck der Persönlichkeit einschränkenden Fremdzuschreibungen so verinnerlichen, dass sie sich entweder nicht mehr vorstellen können oder sich nicht mehr trauen, etwas anderes zu sein als das, was andere in ihnen sehen. Man kann das als eine Form von psychologischem Kolonialismus beschreiben – wie eine Gesellschaftsklasse die mentale Innenwelt von vermeintlich weniger wertvollen Menschen besetzt: Diese ganz perfiden Identitätsfischgläser, die irgendwann als natürliches Habitat wahrgenommen werden und so unglaublich schwer aufzubrechen sind (Die Handlung spielt in Paris und die einzigen schwarzen Schauspieler, die im bürgerlichen Wohnhaus auftauchen, sind die Möbelpacker – ein weiterer kleiner Kommentar des Films zum selben Thema auf anderer Ebene).

Eine Binsenweisheit: Auf den Inhalt kommt es an – aber das Äußere kann den Wert des Inneren in manchen Fällen unterstreichen. Und so verändert sich auch Renée äußerlich – erst widerwillig, weil sie sich zunächst maskiert fühlt, aber die auf das Außen gerichtete Selbstsorge wird von ihr nach und nach richtig als Verlängerung der Inneren verstanden und akzeptiert. Das ist nicht zu verwechseln mit plumpen filmischen Inszenierungen von hässliches-Entlein-in-Schwan-Verwandlungen, indem die weirde Highschool-Schülerin ihre Brille absetzt und die fettigen Haare wäscht. Hier geht es um richtig begriffenen Stil, Ästhetizismus als Verknüpfung des Inneren mit dem Äußeren, nicht um die willfährige Erfüllung von Schönheitsidealen. Die Begegnungen von Renée und Ozu erzählt der Film mit großer Behutsamkeit und es sind die besten des Films. Sie vermitteln die Art von emotionaler Wärme, mit der man leben kann. Und sterben.

Prof. Brooklyn has chosen wisely.

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The Wailing

Beitrag von HAL9000 » vor 3 Monate

The Wailing / Gokseong (Na Hong-jin, 2016)

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Mit diesem Film hat mich Prof. Brooklyn vor eine Herausforderung gestellt. Wahrscheinlich war das nicht das angedachte Vorhaben, aber The Wailing war im Endeffekt eine Herausforderung. Ich empfand diesen Film als sehr anstrengend. Sehr oberflächlich lässt er sich als Genremix aus Ermittlungsdrama und Mystery-Horror mit Comedy-Elementen bezeichnen. In Wirklichkeit ist der Film meiner Ansicht nach aber eher eine Meditation über moralische Zuschreibungen und deren Auswirkungen.

In einem koreanischen Dorf kommt es zu einer Reihe merkwürdiger Mordfälle, die möglicherweise etwas mit der Anwesenheit eines älteren japanischen Mannes (Jun Kunimura) zu tun haben, der in den Dialogen der deutschen Untertitel meist als "Der Japse" bezeichnet wird. Die Täter verlieren aus unbekannten Gründen den Verstand und ermorden ihre Familien, außerdem scheint ein mysteriöser Hautausschlag etwas mit der Sache zu tun zu haben. Im Blut eines Täters wird eine starke Konzentration psychedelischer Substanzen nachgewiesen, die wohl aus dem Konsum halluzinogener Pilze resultiert. Eine merkwürdige junge Frau (Woo-hee Chun) taucht an einem Tatort auf. Es geht außerdem das Gerücht um, der Japaner sei ein böser Geist. Der Polizist Jeon Jong-gu (Do-won Kwak) ermittelt in der Sache, macht aber nur spärliche Fortschritte.

Herausforderung #1: The Wailing erzählt (zumindest zu Beginn) mit sehr gemächlicher Ruhe. Das empfand ich als etwas zäh. Nach etwa 30 Minuten dachte ich mir: Wann geht der Film endlich los? Das passiert etwa in Minute 50. Bis dahin gibt es eine Reihe zusammenhangloser Mordfälle, mysteriöse Erscheinungen und theatralische Reaktionen, ein paar narrative Tricks und zahlreiche komödiantische distractions, die den Zuschauer offenbar einlullen und auf eine falsche emotionale Fährte führen sollen. Jong-gu stolpert ein wenig verpeilt durch die Handlung, wird öfter gedisst und ist insgesamt nicht der Typ "souveräner Ermittler", mit dem man sich halbwegs sicher fühlt. Ein paar Seitenblicke geben Aufschluss über sein Privatleben, zu Hause wohnt er zusammen mit seiner Frau, der kleinen Tochter Hyo-jin und der Schwiegermutter.

Herausforderung #2: Am Ende des Films dachte ich: What?

Ich bin kein Freund von übereifriger Interpretier- und Erklärwut. Die Gretchenfrage "Was wollte uns der Künstler damit sagen?" kann man meistens in die Tonne treten. Was bedeutet das denn jetzt alles? Warum fließen bei Dalí die Uhren weg? Vielleicht ein weitsichtiger Kommentar zur Klimaerwärmung; alles schmilzt und der Menschheit läuft die Zeit davon? Eher nicht. Irritierende Kunst kann auch gefallen ohne Interpretations-Zugang. Die rationale Bedeutungs-Einhegung kann die beabsichtigte Wirkung ja auch vermindern oder vernichten: Alles klar, hab' ich verstanden, brauche mich nicht weiter damit zu beschäftigen. Next.
Ich hatte hier aber nicht das Gefühl, dass der Film nur mystisch-surreal sein will. Die Handlung von The Wailing lässt sich gewiss nicht rückstandslos in ein Erklärbär-Konstrukt zwängen, aber irgendwie war ich mit diesem "What?" im Kopf unzufrieden. Gerade im Genre der Detective-Story ist die mentale Mit-Ermittlung des Zuschauers fest verankert, ich werde hier – stärker als etwa bei einem eindeutiger definierbarem Horrorfilm wie The Descent – zum Verstehen-Wollen verführt, weil das ja auch das erklärte Ziel der Hauptfigur ist: Die Wurzel des Übels finden und die Ordnung wieder herstellen.

Ab hier: Spoiler

Ein paar inszenatorische Details der ersten Hälfte sind einen Blick wert, sie beziehen sich alle auf den Japaner: Ein Mann findet im Wald einen Hirschkadaver, verliert das Gleichgewicht und nach einem Sturz auf den Kopf auch das Bewusstsein. Nach dem Aufwachen beobachtet er den Japaner, wie der sich mit tierischem Hunger am Kadaver labt, mit dem Mund Fleischstücke herausreißt. Von einer Sekunde auf die andere ist er verschwunden. Dann taucht er mit blutroten Augen hinter einem Stein auf, bereit zur Attacke, und… die Szene entpuppt sich als Meta-Erzählung – das Geschehen wurde Jong-gu gerade von seinem Kollegen berichtet, der es auch nur aus zweiter Hand erfahren hat. Wenig später erzählt eine Nebenfigur, dass der Japaner eine Frau vergewaltigt haben soll – auch das bebildert der Film in Ansätzen. Und schließlich schleichen sich die Bilder vom teuflischen, wilden Japaner in die Realität: An einem Tatort geht eine Szene, die der Film zunächst unmissverständlich als real markiert, in eine Traumsequenz über: Jong-gu wird nun selbst vom Japaner attackiert wie zuvor der Mann im Wald… und wacht auf. Ein Traum?

Wenn ein Film mir drei Mal den Teufel in unzuverlässigen Erzählmodi verkaufen will, werde ich skeptisch. Normalerweise gehe ich dann von einem Täuschungsmanöver aus. Der Schnitt konstruiert den Japaner als böse, bevor es einen halbwegs verlässlichen Abgleich mit der tatsächlichen Person geben kann. Interessanterweise werden die fragwürdig eingebetteten Erzählungen vom bösen Geist in The Wailing aber nach und nach zumindest in Ansätzen scheinbar bestätigt. Der mit satanistischem Zeremonienbedarf gefüllte Innenraum seiner Wohnung und ein weiteres Zimmer, dessen Wände mit Fotos vergangener (und zukünftiger?) Opfer behangen sind, lassen eigentlich wenig Zweifel daran, dass der Mann mit dem Bösen im Bunde ist.

Aber ist er das wirklich? Was will er?

Irgendwann ist auch Jong-gus Tochter von dem mysteriösen Infekt befallen, ein Schamane (Jung-min Hwang) wird herbeizitiert, dessen Auftreten ihn als windigen Quacksalber erscheinen lässt und nicht als Autorität im Bereich des Spirituellen. Er reist im Midlife-Crisis Sportwagen an, wirft sich irgendwann eine Nike-Sportweste über und ist insgesamt recht Geld-fixiert. Ein Blender? Der Japaner wurde mittlerweile fest als Sündenbock etabliert und in einem schamanistischen Ritual-Fernduell wirkt es zunächst so, als würden Gut und Böse um die Seele des Mädchens kämpfen. Allerdings richtet sich das Ritual des Japaners gar nicht auf das Mädchen, sondern auf einen weiteren infizierten Toten in einem Auto, der danach als Evil Zombie von den Toten aufersteht. Auch interessant: Als der lebende Tote Jong-gu und seine Freunde attackiert, scheint der Japaner dafür verantwortlich zu sein, dass der wieder zu einem toten Toten wird (sein panisches Hetzen zum Auto, in dem sich die Leiche befand, ließ mich jedenfalls vermuten, dass die Wiedererweckung als Böses so nicht beabsichtigt war oder dass er es bereut).

Prinzipiell muss man in jeden Satz, der die zentrale Handlung dieses Films beschreibt, ein "scheinbar" oder "vielleicht" einfügen – weil der Zusammenhang zwischen einzelnen Geschehnissen entweder unklar ist oder Zusammenhänge suggeriert werden, deren tatsächliche Kausalverknüpfung unbestätigt bleibt. Und wenn man unbedingt eine Interpretation für diesen Film haben möchte, würde ich das Geschehen als metaphysisches cause-and-effect Vexierspiel lesen, das seine Kritik an menschlichen Verfehlungen – Ignoranz und Verblendung durch Indoktrination – in genau den religiös-mystischen Bereich verschiebt, in dem diese Verfehlungen manchmal ihren Ursprung haben können: Der Glaube an das Böse und seine Projektion in die wertneutrale Realität lässt es überhaupt erst entstehen – erst mental, dann tatsächlich. Und wenn das Böse erstmal da ist, dann war es schon immer existent.

Der Sündenfall von Jong-gu, der ihm schließlich zum Verhängnis wird, wäre dann der, dass er die offensichtliche und rationale Erklärung für die Mordserien (die halluzinogene Wirkung der Pilze, die durch eine Heiltinktur verbreitet wurden) einfach übergeht und stattdessen den diffamierenden Gerüchten über den Unbekannten Glauben schenkt. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse wird hier verschmäht statt gegessen, der Fremde muss als Übeltäter herhalten und ist der devil in disguise, der nach seinem Tod auch nur noch das sein kann: Ein Teufel – weil er nicht mehr die Möglichkeit hatte, im Leben seine Identität zu korrigieren. Das wahre Böse? Möglicherweise eine geldgetriebene Verblendungs-Industrie, die Religion und Spiritualität als heilsversprechende Konsumware verhökert und Vorstellungen von Gut und Böse pflanzt, wo sie nichts zu suchen haben.
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Laurence Anyways

Beitrag von HAL9000 » vor 3 Monate

Laurence Anyways (Xavier Dolan, 2012)

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Laurence Anyways ist ein Film, nach dem ich aus dem Fenster in die Ferne starre während die Craig Armstrong-Version von Let's Go Out Tonight in Dauerschleife läuft, das Herz zwischen Zuständen von schwarzem Loch und rotem Riesen schwankt und ich nach der dritten Zigarette immer noch keine Ahnung habe, was ich dazu schreiben soll. Wenige Zeilen müssen reichen.

Xavier Dolan, zum Entstehungszeitpunkt 23 (in Worten: dreiundzwanzig) Jahre alt, drehte hier seinen 3. (in Worten: dritten) Spielfilm und war gleichzeitig Autor, Regisseur und Editor (in Worten: Autor, Regisseur und Editor), und er erfüllt diese Aufgaben mit derart absurder Stilsicherheit und Feingespür für seine Figuren, dass man sich fragt, aus welchen Tiefen seiner Seele er diese Detailgenauigkeit hervorholt. Ich habe diesen Film tatsächlich schon einmal gesehen, hatte aber keine abrufbaren Erinnerungen mehr daran. Die kamen dann beim Wiedersehen hoch. Das liegt wohl daran, dass ich Laurence Anyways zwar als extrem ausdrucksstark, gleichzeitig aber auch als äußerst fragil empfinde – Eigenschaften, die auch seine Figuren besitzen. Es gibt keine vorgefertigte Speicherschublade, in den man diesen Film ablegen könnte.

Die Begegnung zwischen Laurence Alia und Frédérique "Fred" Belair ist eine dieser schicksalhaften, die ein Leben (oder zwei) umkrempeln kann. Zwei Menschen, ihre Seelen aneinander gekettet durch eine allumfassende, fast fiebrige Leidenschaft füreinander, von der Liebe beschenkt, von der Tragik äußerer Umstände verflucht. Ihre Beziehung wirkt zunächst hermetisch abgeriegelt, ihr Band unantastbar festgeschmiedet. Man fühlt sich zunächst wie ein Eindringling, wenn man ihren Umgang miteinander beobachtet. Ein Wendepunkt bricht das auf: Laurence gesteht Fred im Alter von 37 Jahren, dass er eine Frau ist, gefangen im Körper eines Mannes. Fred liebt Laurence, will aber eigentlich mit einem Mann zusammen sein. Ab diesem Zeitpunkt ist alles in Bewegung. Fred trifft, ohne dass sie Laurence ins Vertrauen zieht, eine folgenschwere Entscheidung, die ihr Wesen verändern wird. Zwei Schiffe auf hoher See, ab und zu lässt die Witterung zu, dass sie einen Teil ihres Weges gemeinsam zurücklegen. Häufig lässt der naturgewaltige Wellengang der Gefühle die einstige Verbundenheit aber an den Felsen der individuellen Bedürfnisse von Laurence und Fred zerbrechen. Während Laurence neue Kontakte und eine Art Ersatzfamilie in der queeren Szene findet, gründet Fred eine eigene Familie. Ein herzzerschmetterndes Auseinanderdriften und sich Wiederfinden, ein nicht voneinander lassen können, bis es irgendwann scheinbar einfach nicht mehr geht.

Es ist das Verdienst von Dolans komplexer Charakterzeichnung, dass Laurence Anyways nur in Teilen ein Film darüber ist, welche Probleme mit einer verbohrten Öffentlichkeit ein Sex-Change mit sich bringt. Es gibt diese brutalen Szenen: Die Kündigung seines Lehrerberufes aufgrund einer kleingeistigen Elterninitiative, das widerliche Glotzen und die Gewalt durch einen Mario-Barth-Mann in der Bar, in die Intimsphäre abzielende Kommentare einer Kellnerin, die wahrscheinlich nicht mal böse gemeint sind, aber in ihrer ignoranten und bloßstellenden Übergriffigkeit dann eben doch verletzend wirken. Es gibt aber auch viele schöne Szenen. Brillant und erhebend ist die Reaktion seiner Schüler eingefangen, als Laurence zum ersten Mal mit Make-up und Frauenkleidern den Unterrichtsraum betritt. Auf eine gefühlte Ewigkeit Schweigen erfolgt eine einzelne Wortmeldung. Laurence müsse ein Kapitel nochmal erklären, die Vertretung habe das nicht gut gemacht. Ich habe hier vor Freude in die Hände geklatscht – was für eine pointierte Ausblendung des Elefanten im Raum. Du bist unser Lehrer, und du bist gut, egal ob als Mann oder als Frau. Letztlich ist das Hauptthema aber die Beziehung zwischen zwei Menschen, die – vielleicht – von einem existenziell unbedingt geforderten Identitätswechsel zerrieben wird. Aber möglicherweise wäre sie auch ohnehin gescheitert.

Laurence Anyways hat hoch artifizielle Szenen mit erkennbarem Willen zum Stil, aber auch solche von psychologischem Realismus, die einen fast vergessen machen, dass man überhaupt einen Film schaut. Dolan verbindet diese unterschiedlichen Ansätze fließend, nichts wirkt am falschen Fleck, alles greift ineinander.

Die allererste Begegnung zwischen Laurence und Fred steht ganz am Ende. Und natürlich wirkt sie umso ergreifender, weil man weiß, was davor alles war. Oder was danach noch alles geschehen wird.
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Thelma

Beitrag von HAL9000 » vor 3 Monate

Thelma (Joachim Trier, 2017)

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They say watch what you ask for
Cause you might receive
- India.Arie

Gebot #5 (Nummerierung kann abweichen):
Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.
Gebot #10:
Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

Ich beneide dich um dein Leben und dein Glück und es zerfrisst mich innerlich, dass ich das nicht auch habe. Ich frage mich zwar, ob du wirklich so zufrieden bist wie du es nach außen darstellst, aber grundsätzlich finde ich es zum Kotzen, dass die persönliche Erfüllung auf der Welt so ungerecht verteilt ist. Oder dass ich zu schwach bin, mir dieses Glück selbst zu nehmen. Meine Eifersucht löst Schuldgefühle aus und deshalb geht es mir unterm Strich noch schlechter. Manchmal flackert in mir der Wunsch, dass dir etwas Schlimmes zustößt und ab und zu würde ich deine Selbstzufriedenheit gerne zerstören.
- Sätze, die niemals irgendjemand auf der Facebook-Seite eines Freundes gepostet hat.

Zu den psychosozialen Gegebenheiten der Gesellschaft gehört der Umstand, dass Zustände von Zufriedenheit in sozialen Netzwerken in unüberschaubarer Zahl geteilt werden, solche des Unglücks aber sehr viel weniger – oder nur dann, wenn sie größere gesellschaftliche Zusammenhänge betreffen. Gefühle wie Neid, Eifersucht oder das Gefühl persönlicher Unzulänglichkeit können in diesem Kontext schwer verhandelt werden. Man braucht dafür Freunde. Oder einen Beichtvater. Denn Neid ist eine Todsünde, irgendjemand muss das verzeihen. Sich selbst damit auseinanderzusetzen fällt schwer. Man kann Köpfe an Brad Pitt schicken und sich erschießen lassen, aber das ist auf Dauer auch keine Lösung.

Thelma heißt die Hauptfigur in Joachim Triers Film. Eine junge Frau, aus dem Elternhaus ausgezogen um in Oslo Biologie zu studieren. Thelma ist Christin. Und verliebt sich in ihre Kommilitonin Anja. Und Anja sich in Thelma. Das könnte alles wunderschön sein – wird aber zum Problem, denn Thelmas Wertvorstellungen sind an die Welt ihrer Eltern (oder zumindest die des Vaters) gekoppelt, an ein religiös geprägtes, wertkonservatives Denkgebäude, in dem Gefühle wie Eifersucht und Neid oder das Bedürfnis nach selbstbestimmter sexueller Erfüllung mittels mentaler Selbstkasteiung in irgendeine dunkle Abstellkammer des Unterbewussten verbannt werden.

Eine Rückblende in Thelmas frühe Kindheit, die Anfangsszene des Films, macht klar, dass irgendetwas mit ihr nicht zu stimmen scheint. Das Verhältnis zum Vater wird als – gelinde gesagt – problematisch charakterisiert.

Ab hier: Spoiler

Gemeinsam mit ihm stapft sie durch eine Winterlandschaft, in einem verschneiten Wald taucht ein Reh auf. Der Vater legt sein Gewehr an. Und zielt nach kurzem Zögern auf den Kopf seiner Tochter. Thelma blickt auf das Reh. Er senkt das Gewehr wieder.

Warum wünscht sich ein Vater den Tod seiner Tochter?

Thelma scheint übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen, die sie nicht unter Kontrolle hat. Sie leidet unter psychogenen Anfällen, die einer Epilepsie ähneln – und sie kann ihre drängendsten Bedürfnisse qua Willenskraft zur Realität werden lassen. Und würde diese Fähigkeit nicht jeder gerne besitzen? Die Fähigkeit, die sehnlichsten Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen? Problem: Nicht jeder Wunsch ist dergestalt, dass man Hand in Hand mit einem geliebten Menschen an einem milden Frühlingtag über eine bunte Blumenwiese hüpft. Wishes can be dark, very dark. Und Thelmas Wünsche sind es zum Teil auch. Im christlichen Glauben ist der Mensch von Geburt an ein Schuldwesen, abhängig von der Gnade des Gottvaters; im Leben dazu verurteilt, sündige Gedanken und Zustände zu vermeiden, gut zu sein, wenn's geht nicht nur in der Tat, sondern auch in Gedanken. Dem Wollen und Begehren sind strenge Regularien auferlegt. Das können die meisten Menschen nicht so ohne Weiteres leisten. Kinder sowieso nicht. Und überhaupt sollte das auch gar niemand leisten müssen.

In ihrer Kindheit ist Thelmas Gefühl der Vernachlässigung durch die Mutter, ihre Eifersucht, dafür verantwortlich, dass ihr kleiner Bruder von einem Moment auf den anderen aus seiner Badewanne verschwindet und der Vater seine Leiche unter der dicken Eisschicht eines Sees entdecken muss. Kain ertränkt Abel. Später wird er mit seinem Gewehr auf den Kopf der Tochter zielen. Man kann den Vater hier sogar irgendwie noch verstehen. Aber der Sündenfall der Eifersucht wird entlang des rigorosen Glaubensbekenntnisses als verdorbener Grundzustand der Tochter angenommen, ihre Entwicklung und Entfaltung behindert, da für den Vater jede eigenständige Wunscherfüllung der Tochter eine potentielle Gefahr darstellt. Und es gibt nur einen Ausweg aus diesem religiösen Kerker der moralischen Fremdbestimmung: Den Schuld einflößenden Gott-Vater abschaffen und sich selbst zum personal Jesus machen.

In den phantastischen Sequenzen des Films sind es Tiere, die von Thelma auf merkwürdige Art Besitz ergreifen. Während eines (eingebildeten) Rauschzustandes kriecht eine Schlange in ihren Mund (die biblische Motivik ist offensichtlich), am Ende erbricht sie einen kleinen schwarzen Vogel. Trier zeigt noch ein Tier in der Schluss-Sequenz, eine Raupe. Die letzte Transformation Thelmas führt in die Eigenverantwortlichkeit. Jetzt erfüllt sie sich ihre Wünsche bewusst. Ihre Wünsche sind bestimmt durch das, was sie will. Nicht mehr durch ihre Schuld.
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